Religion und Medien

oder: Religion in einer medialisierten Öffentlichkeit

Christenhatz und Apartheid gegen Frauen

Posted on | Februar 15, 2012 | No Comments

W. Weimer, ehemaliger FOCUS_Chefredakteur und Mitglied des Medienrates der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, hat wieder einmal Position bezogen. Im Medienmagazin Pro fragt er „Wer demonstriert für die Christen?“, benennt die grauenhafte Tatsache, dass „von Nordkorea bis Pakistan, von Indonesien über Ägypten bis Kuba“ Christen verfolgt werden: „Steinigungen hier, Hinrichtungen da, Verhaftungen dort. Vertreibungen und Angst vielenorts – bis zu 100 Millionen Getaufte werden verfolgt. Tausende sterben Jahr für Jahr. Und wenn im Iran ein Muslim auch nur zum Christentum übertritt, dann erwartet ihn laut Gesetz nichts anderes als die Todesstrafe.“

Und die Reaktion? „Die Reaktion des christlichen Westens auf diesen Skandal ist in aller Regel blanke Gleichgültigkeit. Im Abendland nimmt man die grausamen Berichte achselzuckend zur Kenntnis wie den täglichen Sonnenuntergang und wendet sich wieder dem Dschungelcamp, der Winterdiät oder der Fußball-Champions-League zu.“ „Dabei demonstriert im Westen sehr wohl noch – für die Wale zum Beispiel, für Froschwanderungen, für Bahnhosfbauten.“ „Lieber regen wir uns über Fluglärm und zu enge Schweinemastbetriebe auf als über weiträumige Frauenversklavungen. Dabei etabliert sich im islamischen Raum eine neue Apartheid gegen Frauen. Doch protestiert irgend jemand dagegen?“

Es wäre wohl Zeit, „sich mit den reichen Golf-Diktaturen anzulegen.“ Aber „da will man ja nicht nur Öl kaufen, sondern auch noch mal Urlaub machen. Im Luxushotel von Dubai aber protestiert es sich schlecht. Das Wegschauen des Westens hat zwei Gründe: Bequemlichkeit und Angst.“ (zit. → W. Weimer, Wer demonstriert für die Christen?, Medienmagazin Pro, 09.02.2012, 12)

Dass W. Weimer in seinem Schlusssatz den dringend nötigen Widerstand gegen Christenhatz und Apartheid gegen Frauen dem Etikett „Kampf der Kulturen“ zuordnet hat einen Beigeschmack, denn die deutsche Übersetzung des vom Harvardprofessor S. Huntington geprägten Ausdruck „clash of civilizations“  erzeugt noch deutlicher militante bis militärische Obertöne als das Orginal, dem im akademischen Diskurs schon heftig widersprochen wurde (etwa durch M. Riesebrodt, Die Rückkehr der Religionen: Fundamentalismus und der „Kampf der Kulturen“, Beck 2001 [urspgl. Fundamentalism and the Resurgence of Religion, Numen, 2000] – siehe unten). Gleichwohl sind die von W. Weimer benannten Problembereiche drängende Herausforderungen, eigentlich an die Weltgemeinschaft, doch insofern die UNO als „zahnloser Tiger“ (vgl. den jüngsten Boykott einer Anti-Syrien-Resolution durch Russland und China) nicht konsequent und nachdrücklich agieren kann, warten die beiden Dramen auf andere Menschen, die ihre Stimme erheben!

(Ergänzung: Nach M. Riesebrodt führt der so genannte „Kulturkampf“ „keineswegs zur Herausbildung zivilisatorischer Blöcke, die untereinander in Konflikt geraten, sondern spaltet Gesellschaften in eine Vielzahl von Kulturmilieus, die oft mehr Affinität zu vergleichbaren Milieus in anderen Gesellschaften und ‚Zivilisationen‘ haben als zu feindlichen Milieus innerhalb der eigenen Gesellschaft und ‚Zivilisation‘.“ M. Riesebrodt, Rückkehr, 12 (vgl. auch → Ders.Secularization and the Global Resurgence of Religion [Vortrag, 2000]).

 

 

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