Religion und Medien

oder: Religion in einer medialisierten Öffentlichkeit

U. Seidl, „Paradies: Glaube“?

Posted on | September 1, 2012 | No Comments

U. Seidl ist ein Filmemacher ganz eigener Art. Der Wiener schafft es mit seinen Werken einen Blick in versteckte Winkel und menschliche Abgrüne zu werfen. Er bringt menschliches Verhalten auf die Leinwand, das bisweilen urkomisch häufig aber zutiefst verstörend wirkt.

„Hundstage“ etwa – ein Film, der sechs Episoden aus Wiener Vorstädten inszeniert – bietet ein „Abbild kleinbürgerlicher (österreichischer) Verhältnisse in einer durch Tristesse, Hilflosigkeit, Sprachlosigkeit und Verzweiflung gekennzeichneten Umgebung. … Seidl zeigt Menschen, ‚wie sie sind‘, nicht übertüncht, ‚gestaltet‘, sondern in ihrer ganzen Blöße und Aggression, in ihren nicht latenten, sondern ganz offen vorgetragenen und ausgespielten Bedürfnissen, wie immer sie aussehen mögen – behaupten Seidl und einige Kritiker. Der Film könnte in dieser Weise oder ähnlich, so Seidl selbst, auch in anderen Vorstädten anderer Länder Europas oder in den USA spielen.“ (zit. → U. Behrens, Hundstage)

Bei seinen Streifzügen nimmt er auch das Religiöse in den Blick. 2003 kam sein Dokumentarfilm „Jesus, du weißt“: vor laufender Kirche sprechen Menschen – in einer Kirche angesichts eines Kruzifixes ihre Gebete. Alles liegt offen zutage: Gesichter, Mimik, Gestik, die in Worte gefassten Gedanken bzw. Sorgen sowie die darin ausgedrückten Selbsteinschätzungen. Einen kleinen Einblick bieten die bei  → youtube zu sehenden Szenen. (Siehe z.B. auch → G. Seeßlen, Jesus, du weißt, → M. Heine, Öffentliche Beichten: „Jesus, du weißt“).

Nun hat U. Seidl in Venedig eine weitere Religionsstudie vorgestellt: „Paradies: Glaube“. Er untersucht, „was es genau bedeutet, das Kreuz auf sich zu nehmen. Für Anna Maria, Röntgenassistentin und Schwester von Teresa, liegt das Paradies … bei Jesus. Ihm weiht sie all ihr Tun und Sein. Ihren Urlaub verbringt sie damit, mit 40 cm großen Wandermuttergottes-Statuen missionierend von Haus zu Haus zu gehen. Als eines Tages ihr Ehemann, ein Ägypter und Moslem, nach Jahren der Abwesenheit aus Ägypten zurückkommt, beginnt ein Kleinkrieg um Ehe und Religion. Es wird gesungen, gebetet und gekämpft.“ (zit. → U. Seidls Website). Wieder reihen sich verstörende Szenen aneinander: wie sich Anna mit nacktem Oberkörper vor einem Kruzifix kniend selbts kasteit (um Jesus wirklich alles zu geben), die Reaktionen der Menschen auf Annas Missionierungsversuche, die Kämpfe mit dem plötzlich heimgekehrten muslimischen Ehemann, wie er das Kreuz von der Wand stößt und die Auseinandersetzungen eskalieren … Der → Trailer gibt bereits einen guten Einblick.

Reaktionen? Natürlich werden sie gespalten sein, denn U. Seidls Filme bieten immer Gesprächsstoff. Der Religionskritiker wird sich freuen, die katholische Kirche wohl kaum. Meine Reaktion? Zwiespältig. Einerseits sind U. Seidls Milieustudien ungeheuer eidnrücklich und visualisieren Verhaltensmuster und -strukturen auf, die gesellschaftliche Segmente prägen. Eben darum stolpere ich über Zuspitzungen, die nicht den Anspruch auf eine breitere Allgemeinheit erheben können, etwa wenn Anna das Kruzifix unter die Bettdecke nimmt und anscheinend masturbiert (vgl. auch den Priesteranwärter im Film „Vaya con Dios“, der der Madonna den großen Zeh lutscht). Wie wahrscheinlich ist das? In diesen (und anderen) Momenten gefährdet Sedl m.E. den Wert seiner Arbeit, da hier eine billge Effekthascherei naheliegt und lediglich an gängige Kirchenkritik andockt, um die Lacher auf seine Seite zu bringen. Nun denn.

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