Religion und Medien

oder: Religion in einer medialisierten Öffentlichkeit

Biblisches Theater und das Tagesgeschehen

Posted on | September 18, 2012 | No Comments

Lang ist’s her seit biblische Stoffe im Theater inszeniert wurden. Jetzt kommt aber gleich eine geballte Ladung: In Zürich wird die „Genesis“ aufgeführt, demnächst in München und Basel „Mose“. In Zürich hat man dafür 40 Tonnen Lehm im Schauspielhaus aufgetürmt und bietet in rund 5 Stunden mit einer spärlichen personellen Besetzung das gesamte 1. Buch Mose dar, von der Schöpfung bis zum Ende der Josefsgeschichte. Gott mutiert dabei von einer allzu menschlichen Gestalt, die bisweilen auch dem Jähzorn unterliegt, zu einem jenseitigen Wesen, das die Welt mehr oder weniger sich selbst überlässt, um seine Ruhe zu finden. (Vgl. dazu etwa → M. Halter, Und Gott muss sehen, dass es Theater sein soll [FAZ, 17.09.2012] oder das Interview → Rausch und Ekstase im Theater mit dem Zürcher Intendaten S. Bachmann [Kölner Stadtanzeiger, 16.09.2012]).

Beworben wird das Zürcher Stück mit den Worten: „Kein anderer Text hat eine größere und längere Wirkung entfaltet als das erste Buch Mose. Drei Weltreligionen bekennen sich zu ihm: Judentum, Islam und die Christenheit.“ (zit. nach der → Website des Schauspielhauses). Angesichts dieser Sätze schlägt → T. Rothschild, Josef und die glorreichen Sieben (Nachtkritik, 14.09.2012) einen Bogen zu aktuellen Übergriffen, etwa als neulich ein Wiener Rabbi auf offener Straße antisemitisch beschimpft wurde während einige Polizeibeamte tatenlos zusahen (vgl. etwa → A. Weiss, Rabbiner wurde wüst beschimpft und die Polizei sah dabei zu [Wiener Zeitung, 31.08.2012]). Dieser Querverrweis ließe sich beliebig ergänzen, etwa durch den unlängst in Berlin stattgefundenen Übergriff auf einen Rabbiner, aber ebenso durch Attacken auf muslimische Mitbürger oder – vice versa – die Attacken muslimischer Menschen auf westliche Botschaften … und so fort.

Nun könnte man meinen, T. Rothschild würde mit seinem Brückenschlag auf den Gedanken zusteuern, die Inszenierung gemeinsamer Wurzeln könnte zur Annäherung beitragen. Aber nein. Gerade diesen Gedanken problematisiert er: (a) „Bedarf es solcher Begründungen, bedarf es der Bibel, um einzufordern, was zu den selbstverständlichen Grundlagen einer Zivilisation gehört, die diesen Namen verdient? Sind Juden und Muslime nur schützenswert, wenn und weil sie mit den Christen ‚gemeinsame Wurzeln‘ haben?“ (b) „Vielleicht ist das Zusammentreffen der Spielpläne mit den Ereignissen auf der Straße nur ein Zufall. Wenn man aber daran glaubt, dass Kunst, also auch Theater, auf gesellschaftliche Zustände reagiert, ist das neue Interesse an der Bibel eher beunruhigend. Es verweist auf eine Wirklichkeit, der mit Theater vielleicht doch nicht beizukommen ist.“

Gewiss hat eine Zivilisation Prinzipien, die gerade nicht auf religiösen Verwandschaften beruhen, sondern in der Würde des Menschen an sich gründen. Aber wie fragil die Verankerung dieser Begründungen in menschlichen Hirnen ist, wird doch an den genannten Vorfällen deutlich. Um hier weiter zu kommen, ist doch jeglicher Support zu begrüßen, und wenn es die Inszenierung der gemeinsamen Wurzeln im Theater ist. Und schließlich gilt gewisslich der Satz, dass es keinen Weltfrieden ohne Religionsfrieden geben kann. Also, liebe Zürcher, macht weiter so!

Comments

Leave a Reply





  • Nützlich zum Thema

    Wer sich für den thematischen Komplex interessiert, der werfe auch einen Blick auf diese Seiten:
    REMID
    theomag
    religion.ch
    MedienTipp
    ...

  • %d Bloggern gefällt das: