Religion und Medien

oder: Religion in einer medialisierten Öffentlichkeit

Springen und schweben, trotz allem Grollen

Posted on | Januar 25, 2016 | Kommentare deaktiviert für Springen und schweben, trotz allem Grollen

Von einer Plakatwerbung hüpft mir eine junge Frau entgegen, und alles nur wegen eines Wassers. In Facebook begegne ich wieder springenden Menschen: im Urlaub, am Strand oder sonst wo. Und im TV lässt eine GMX-Werbung allerlei Kreaturen schweben, vom Star-Wars-Klonkrieger bis zum Fisch-Luftballon, begleitet von der Melodie „Die Gedanken sind frei“.

Dann stoße ich dieser Tage in der ZEIT auf den Artikel B.-C. Han, „Der springende Mensch“ (ZEIT 4/2016, S. 52). Er schildert – einem Gedanken W. Benjamins folgend – die Verschiebung vom Kultwert zum Ausstellungswert. Fotografien (bzw. gemalte Porträts) früherer Tage hatten die Funktion, sich erinnern zu können (Kultwert). Mit heutigen Fotografien präsentieren sich Menschen, stellen sich aus. Wer nicht gesehen wird ist nicht. Was in sich ruht ist ohne Wert. Der springende Mensch, dessen Gesicht kaum zu sehen ist, wirkt wie ein Zeigefinger, der auf ihn selbst hinweist (Ausstellungswert). Dabei verschwindet auch das Angesicht aus der Fotografie. Es wird zum face, zum ausgestellten Gesicht, „ohne jene Aura des Blicks. … Dem Blick wohnt eine Innerlichkeit … inne. So ist der Blick nicht ausstellbar.“

Davon verschieden sind aber „die Schwebenden“, die mir begegnen, beispielsweise in den drei „Die Gedanken sind frei“-GMX-Kampagnen (2005, 2013 und 2015). Da schwebt etwa eine junge Frau vor dem Spiegel, die Kamera bewegt sich langsam hinter den Rücken der Frau während m Spiegel ein anderes Gesicht zu sehen ist; die Frau vor dem Spiegel und die „Andere“ sehen sich intensiv an. Der Star-Wars-Klonkrieger, der neben einem Jungen in der S-Bahn sitzt, sieht draußen ein rothaariges Mädchen im langen Kleid schweben. Wieder sehen sie ich intensiv an während sich – auf Grund der Fahrt der S-Bahn – die Köpfe drehen und schließlich der Klonkrieger seine Hand zum Gruß hebt bis sich die beiden aus den Augen verlieren. Der Fisch-Luftballon schwebt – über einer Mauer – von links in Richtung Bildmitte, wo die Mauer endet und ein Hund erscheint. Ballon und Hund bewegen sich parallel, der eine am Boden, der andere „über ihm“, wobei offen bleibt, wer wen begleitet. Anders als bei den Springenden geht es hier nicht um die Action, die Ausstellung; es sind stille Momente, in denen mitunter intensive Blicke zu beobachten sind.
„Schwebende“ finden sich auch in den Fotoserien→ L. Lander-Deacon, Dreamer (2012) oder F. Bohbot, Levitation (2011). Bohbot lässt Menschen in Alltagssituationen über dem Boden schweben: zwei junge Männer in der Innenstadt, ein Spaziergänger am See, Personen, die „sitzend“ über einer Bank schweben. Sie alle scheinen für diesen Moment „losgelöst“, frei von dem, was sie umgibt. Und der damals erst 19-jährige L. Lander-Deacon präsentiert spektakuläre Fotos von schwebend schlafenden Menschen in unglaublichen Situationen: über einer Waldlichtung oder einer Straße. – Die Loslösung vom äußeren Geschehen ist hier thematisch, mittendrin und dennoch gelassen. Gewiss, anders als bei GMX kommt der tiefe Blick oder das „Andere“ nicht vor, wohl aber die ruhige Gelöstheit.

Ein Blick in die Motivgeschichte macht deutlich, dass das „Schweben“ ein Setting hat. Aus der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts stammt ein Wandfresko einer schwebenden Frauenfigur (zu sehen im Archäologischen Museum in Neapel). „Schwebende Figuren (galten) als Repräsentanten einer glücklichen mythischen Welt“; sie „sind ein charakteristisches Bildthema in der Wandmalerei des Vierten Stils. Oft sind es dionysische Paare, die sich umschlungen halten, daneben begegenen aber auch fliegende Götter wie Venus, Nymphen oder Eroten.“ Auch das Kirchenlied hat hier etwas zu bieten. Paul Gerhardt sieht sich mit dem Erlöser „endlich schweben / voller Freud ohne Zeit / dort im andern Leben“. G. Terstegen besingt Gott u.a. als die „Luft, die alles füllet, / drin wir immer schweben, / aller Dinge Grund und Leben …“. Und die Ambivalenz zwischen Wirklichkeit und der „anderen Welt“ bringt P. Gerhardt in dei Worte „O Welt, sieh hier dein Leben / am Stamm des Kreuzes schweben, / dein Heil sinkt in den Tod!“

Die Schwebenden unterscheiden sich von den Springenden. Letztere sind in Action, stellen sich aus, haben aber nur einen flüchtigen Moment. Dagegen „ruhen“ erstere, haben etwas von Dauer, sind mitten im Geschehen, aber doch befreit. Warum wohl beide Motive heute vermehrt auftreten, in einer Zeit, die viele als beunruhigend erleben? Sind es eventuell auch zwei Umgangsweisen mit diesem Heute: einerseits die Action, die alles vergessen machen will und andererseits eine irrationale Gelassenheit in aller Besorgnis, welche die nötige Distanz zum Geschehen hat und allen Sorgen und Ängsten zum Trotz noch ihre Ruhe findet? Oder ist letzteres Ausdruck einer Sehnsucht, eben diese finden zu dürfen?

 

 

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