Religion und Medien

oder: Religion in einer medialisierten Öffentlichkeit

Tatort: Der Weg ins Paradies

Posted on | Dezember 19, 2011 | No Comments

Gestern Abend wurde im Tatort „Der Weg ins Paradies“ im radikal islamistischen Milieu ermittelt (genauer: in Hamburg, von wo aus 9/11 vorbereitet worden war). Eine Inhaltsangabe kann ich mir sparen, denn man kann den Tatort noch in der → ARD-Mediathek sehen, den Artikel → K. Krüger, Die Hassprediger nehmen ihm seinen Glauben (FAZ, 18.12.2011) lesen oder → hier ein Szenenprotokoll durchgehen.

Nur einige Beobachtungen seien notiert:

Einen interessanten Akzent schaffte Lars Becker mit der Entscheidung, einen deutschen Konvertiten als den Radikalen, Antreiber und Planer des Attentats in Szene zu setzen. Die Männer des islamischen Zentrums wirken neben ihm umgänglich und menschenfreundlich, lediglich umweht vom Charme einer anderen Kultur. Der Radikale, mit einem „IQ von über 150“ (so seine eigenen Worte), verbietet einem Jungen, seinen nicht-muslimischen Freund in die Nachhilfe mitzubringen, würgt eine Dokumentation über die Schandtaten der Taliban in Afghanistan ab und heult ob der Tatsache, dass seine (deutsche) Familie nicht ins Paradies kommen wird. Die Frage, ob Konvertiten potentiell radikaler sind als im Islam Aufgewachsene ist immer wieder ein Thema, fand etwa im April 2010 im Saarland eine Bestätigung (vgl. → dpa, Gefasster Terrorverdächtiger ist radikaler Konvertit [WELT]), ist aber z.B. nach → C. Wagenseil, Das Missverständnis mit den Konvertiten (Remid) sehr differenziert zu beantworten.

Interessant war auch das kurze Gespräch beim Showdown. Der verdeckte Ermittler Cenk Batu (M. Kurtulus) sitzt im geräumten Linienbus dem Attentäter, mit tickender Bombe auf dem Schoß, gegenüber und textet pointiert: „Der Dschihad ist nicht, was du denkst“, Atempause, „er ist der Kampf gegen das eigene Ego!“ Starke Pointierung! Zumal eine, die attraktiv klingt, weil sie dem Generalverdacht, der „Islam an sich“ sei gewaltbereit, wehrt. Und sie ist überdies legitim, denn in der islamischen Überlieferung begann man, zwischen dem großen und dem kleinen Dschihad zu unterscheiden: der große, der wichtigere hat mit mir zu tun, ist ein Kampf mit mir selbst; der kleine meint den körperlichen Einsatz, das Tun und Handeln, und darunter dann auch  den Kampf mit der Waffe, allerdings zur Verteidigung (vgl. nur die → Erläuterung von Hamideh Mohagheghi, islamische Theologin [ZDFmediathek]). Was dann aber als groß oder klein eingestuft wird, hängt doch stark von der jeweiligen Lesart des Islam bzw. der jeweiligen Orientierung ab. So stehen sich friedfertige Interpretationen (vgl. nur die sunnitische Sicht von → Schaykh ‘Abdalqadir Isas, Reinigung und Bemühung gegen das Ego) und radikale Umtriebe (vgl. nur → C. Denso, Dschihad im Internet [ZEIT, 14.03.2011]) gegenüber. So ist der Satz im Bus eine Auffassung, von der gewiss viele Menschen hoffen, dass sie sich durchsetzen möge. Die Chancen dafür dürften steigen, je weniger im Westen die Annahme kolportiert wird, Dschihad meine „heiliger Krieg“.

(Die Komplexität des zuletzt erörterten Zusammenhangs wird an der Tatsache ersichtlich, dass die Universität Münster das → Forschungsprojekt „Islamische Dschihâd-Konzeptionen in Vergangenheit und Gegenwart“ betreibt. Siehe z.B. diverse Texte eines der Mitwirkenden: → M. Schöller, Die Grüne Flut. Oder: Das ZDF erklärt den heiligen Krieg; → Ders., „Der Dschihad ist nicht an eine einzelne Person gebunden“ [The European]; bzw. seinen Radiovortrag → „Warum es nicht den einen Dschihad gibt“ [DRadio])

(P.S. Siehe dazu insbes. auch die → NDR-Pressemappe.)

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